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Einig gegen den Westen

2008-04-11

Peking - Er ist der Typ, dem jetzt keiner mehr zuhört, von dem man denkt, dass er nur noch Propaganda abliefert. Qu Yingpu ist offizieller Sprecher des Fackellaufs der Olympischen Spiele in Peking. Normalerweise ist er stellvertretender Chefredakteur der englischsprachigen Pekinger Tageszeitung China Daily und gehört zu denen, die in China unter der Knute der Parteizensur für einen unabhängigeren Journalismus kämpfen. Doch jetzt tourt Qu mit der Fackel um die Welt. Er sah zu, wie der »olympische Geist von Demonstranten entführt wurde«, sorgte sich über die »öffentliche Meinung infolge einer Medienberichterstattung, die nur die eine Seite der Geschichte kennt«. Und er fragte: »Welche Botschaft versuchen die Demonstranten und Medien an die Chinesen zu senden? Wird das die Samen des Hasses säen?«

Gute Fragen. Schneller als die meisten erfasste Qu die Gefahr eines tiefgehenden Zerwürfnisses zwischen China und dem Westen. Ein Konflikt, der weit über die Tibet-Frage hinauswachsen könnte: hier gewissermaßen die westlichen Olympia-Spielverderber, die moralinsauren Neider von Wachstum und Erfolg der neuen Supermacht – dort die chinesischen Menschenrechtsverächter, die rücksichtslosen Verfechter eines religionsfeindlichen Materialismus.

Tatsächlich wächst in China die Empörung – bis hin zu den schärfsten Regierungskritikern. Einer von ihnen, der geschasste, für seine KP-Kritik im Westen gefeierte Exchefredakteur Li Datong, war Gast von Bundeskanzlerin Angela Merkel während ihres letzten Peking-Besuchs. Merkel wollte die KP ärgern, ihr zeigen, dass sie auch mit ihren Gegnern spricht. Doch jetzt ärgert sich Li über Deutschland.

Er empfängt den Reporter in seiner Pekinger Wohnung mit Fotos und Überschriften der Bild-Zeitung auf dem Computer. Dreimal wurden offenbar Bilder von Protesten in Nepal und Indien verwendet, als Illustration für angebliche chinesische Unterdrückungsmaßnahmen gegen Tibeter. Li ist angewidert. Er findet die Tibet-Berichterstattung im Westen so einseitig wie in China. Er kritisiert ein romantisches Tibet-Bild: »Blauer Himmel, weiße Wolken, grünes Grasland«. In Wirklichkeit müsse sich der tibetische Buddhismus genauso säkularisieren wie etwa in Thailand. Schuld daran sei weniger die chinesische Politik als die Modernisierung. Dabei bleibt Li ein harter Kritiker seiner Regierung, der er vorwirft, den Dalai Lama falsch beschuldigt zu haben: »Ohne den Dalai Lama wäre die Lage viel schlimmer, dann wären die Separatisten längst schon Terroristen.«

Hetzreden gegen die »französischen Schweine«

Was dagegen die Chinesen heute schockiert, ist eine scheinbar vom Westen unterstützte Exilbewegung, die die Bühne der Olympische Spiele nutzt, um rund um die Welt den Unabhängigkeitsruf »Free Tibet!« erschallen zu lassen. »China ist zu weich und schwach, deshalb sind wir heute so einer Schikane ausgesetzt«, schimpft eine Forumsteilnehmerin des chinesischen Internetportals sina.com. Viel mehr noch als in den Regierungsmedien verschafft sich der chinesische Olympia-Frust im Internet Luft. »Von wegen Demokratie, Freiheit und Menschenrechte – sie wollen alle nur zusehen, wie sich China blamiert«, setzt ein anderer Teilnehmer hinzu. »Die westlichen Mächte lassen keine Chance aus, China zu demütigen. Jetzt reden sie über einen Olympia-Boykott, und ihre Präsidenten kommen nicht. Verdammt! Dann machen wir eben eine Dritte-Welt-Olympiade«, schreibt ein weiterer.

Die meisten Reaktionen klingen eher enttäuscht, doch findet man im chinesischen Internet auch zahlreiche Hetzreden auf »tibetische Hunde« und »französische Schweine«. Vor solchen Exzessen warnte Fackellauf-Sprecher Qu als »Samen des Hasses«. Die Frage stellt sich: Wie weit wird der chinesische Olympia-Backlash gehen, wenn sogar das IOC schon über einen Abbruch des Fackellaufs diskutiert? Wären die Chinesen am Ende wieder eine gedemütigte Nation? Viel schlimmer, argumentiert der Essayist Wang Lixiong: »Im Krisenfall könnte der chinesische Nationalismus gegenüber der Welt fanatisch werden und im Inland zu einem Rassismus gegen Minoritäten führen.«

Außer Durchhalteparolen ist der KP wenig eingefallen

Wang ist mit einer tibetischen Schriftstellerin verheiratet, persönlich mit dem Dalai Lama bekannt und zählt zur wachsenden Zahl chinesischer Intellektueller, die sich mit der tibetischen Kultur identifizieren. Sie erscheint ihm als Alternative zum geistigen Vakuum der chinesischen Jugend, ihrem Materialismus. Er fürchtet, dass sich die Emotionen der Jugend jetzt gegen die Tibeter wenden, auch als Reaktion auf westliche Kritik. Damit würden die jungen Leute wieder das »böse China-Image« im Ausland reproduzieren. Ein Teufelskreis.

Erstaunen muss dabei vor allem, wie Peking und seinen westlichen Olympia-Partnern das Heft aus der Hand geglitten ist. Außer Durchhalteparolen für Fackelläufer hat die KP bislang keine Antwort auf die weltweiten Proteste der Pro-Tibet-Aktivisten. Aber auch die westlichen Regierungen scheuen sich, sich zu den Spielen in Peking zu bekennen.

Viele Chinesen ärgert das. Viele freilich wissen auch noch gar nicht, was los ist. »Was? Der Fackellauf wurde unterbrochen?«, wundert sich Dorfbürgermeister Yang Yunbiao in der südostchinesischen Provinz Anhui. Yang ist ein demokratischer Dorfreformer, dafür bis nach Peking bekannt. Die Olympischen Spiele in China empfindet er als historisch beispiellos. »Da hoffe ich als Chinese von Herzen, dass sich die chinesische Kultur und Weisheit der Welt darstellen können«, sagt Yang. Es sind auch diese hohen Erwartungen an ein nicht nur KP-inszeniertes, sondern international akzeptiertes Sportfest Olympia, die jetzt bei vielen Chinesen bitter enttäuscht werden.

von Georg Blume

Quelle: Die Zeit

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